Kipppunkte und Pfadabhängigkeiten in strategischen Entscheidungen

15. Forum Zukunftsorientierte Steuerung

Das Forum bringt ExpertInnen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Militär zu einem sektorübergreifenden Austausch zusammen.

Veranstaltungsort:

Führungsakademie
der Bundeswehr
Clausewitz-Kaserne
Manteuffelstraße 20
D-22587 Hamburg

Termin:

12. März 2026

Über die Veranstaltung

Kipppunkte markieren kritische Schwellen, an denen kleine Veränderungen zu weitreichenden, oft unumkehrbaren Folgen führen. Dies geschieht sowohl in ökologischen und gesellschaftlichen als auch in ökonomischen Systemen. Für Entscheidungsträger aller Bereiche ist es daher wichtig, diese Dynamiken frühzeitig zu erkennen, richtig zu bewerten und verantwortungsvoll zu steuern. Dabei können verschiedene Methoden wie System Dynamics, agentenbasierte Simulation, Künstliche Intelligenz oder Spieltheorie helfen, sich in einem durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit gekennzeichneten Umfeld zu orientieren und sicher zu bewegen.
Das 15. Forum „Zukunftsorientierte Steuerung“ bringt Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Militär zu einem sektorübergreifenden Austausch zusammen. Neben aktuellen Einblicken in den Stand der wissenschaftlichen Forschung kommen Anwendungsexperten zu Wort, die aus ihren Erfahrungen im praktischen Einsatz mit diesen Methoden berichten.

 

FORUM ZUKUNFTSORIENTIERTE STEUERUNG

Viele Unternehmen und Organisationen sehen sich mit einer zunehmenden Dynamik konfrontiert: Häufigere Krisen, radikale Technologieumbrüche, sich verändernde politische und gesetzliche Rahmenbedingungen, teils dramatische Marktveränderungen und beschleunigte Kommunikation erfordern schnellere, aber auch gut durchdachte (Re-)Aktionen.

Eine Ergänzung bereits existierender Steuerungselemente um den Aspekt Zukunftsorientierung, das heißt eine zeitlich vorausschauende Einbeziehung von Erkenntnissen und fundierten Annahmen zu möglichen Entwicklungen, wird daher immer wichtiger. Unternehmen und Organisationen können so ihre Steuerung pro-aktiver gestalten.

Das Ziel des Forums „Zukunftsorientierte Steuerung“ ist ein sektorübergreifender Austausch über die praktischen Anwendungsmöglichkeiten von Simulationsmethoden. Das Forum findet jährlich statt.

Link zu Informationen über die vergangenen vierzehn Tagungen: www.spitznerconsulting.de

 

Anmeldung

Forum 2026 – Module und Vorträge

In unserem Workshop erleben die Teilnehmenden die World Climate Simulation, ein interaktives Rollenspiel der UN-Klimaverhandlungen. In realen Rollen vertreten sie Länder- und Interessensgruppen und versuchen, den globalen Temperaturanstieg bis 2100 auf unter 2 °C zu begrenzen. Statt über Strategien nur zu sprechen, werden eigene Annahmen, Vorschläge und Vereinbarungen im C-ROADS Modell getestet und durch unmittelbares Feedback zu deren kurz-, mittel- und langfristigen Folgen evaluiert. Jede Entscheidung wirkt sich direkt auf das System aus und macht sichtbar, wo lineares Denken vor dem Hintergrund politischer oder wirtschaftlicher Zielkonflikte scheitert und Steuerbarkeit verloren geht.

Die World Climate Simulation wurde von Climate Interactive (https://www.climateinteractive.org/) und MIT Sloan (https://mitsloan.mit.edu/) entwickelt und wird weltweit in Bildung, Politik und Organisationen eingesetzt. Das zentrale Takeaway: Nicht-Entscheiden ist selbst eine strategische Entscheidung – mit oft irreversiblen Konsequenzen.

„Die Zukunft“ gab es noch nie – deswegen ist die Annahme schwierig, dass es „Den Kipppunkt“ gibt der allein unsere Zukunft in den Abgrund reißen wird. Die Anzahl der möglichen Zukünfte ist vielfältig, und hängt ab von täglichen Entscheidungen. Wie Ihre Entscheidung diesen Workshop zu besuchen (oder nicht): Vielleicht treffen Sie hier (oder woanders) genau die Person, die Sie brauchen, um ein neues Projekt zu starten, das am Ende die Welt besser machen wird (oder viel schlimmer).

Das menschliche Gehirn ist an das Entscheiden unter Unsicherheit gut angepasst, wie die Predictive Coding Theory darstellt. Neue Ereignisse provozieren im Gehirn Predictions darüber, was als Nächstes passieren kann. Diese Vorhersagen beeinflussen, wie wir handeln. Erweist sich eine Vorhersage als falsch, erzeugt der Prediction Error einen kurzem Stressmoment der zur Anpassung der Vorhersagen führt. Bei ständig neuen Nachrichten über Weltereignisse, die sich unserem Handeln entziehen, wird der  Prediction Error auf Dauer immer größer. Das sorgt für Dauerstress, Angst und einen blockierten Entscheidungsraum.

Naturwissenschaftliches Arbeiten als Weiterentwicklung der PCT baut auf vielseitig zusammengesetzten Teams auf, die gemeinsam Hypothesen erstellen, Wirkungen erzielen, und diese Wirkungen empirisch messen. Leistungsfähige KIs unterstützen Wissenschaftler*innen dabei jetzt schon beim Bearbeiten großer Datenmengen, Erstellen von Vorhersagen und der Bewertung von Erkenntnissen. In diesem Workshop wollen wir mit einigen Planspielen und mit Hilfe der Tree of Life Methode erarbeiten wie KIs auch kleine Teams selbstwirksam machen und Wege zu einem gesunden und nachhaltigen Arbeitsstil öffnen können.

Wann wird aus ehrlichem Verhalten plötzlich Unehrlichkeit – oder sogar Betrug?

In diesem Workshop untersuchen wir mithilfe agentenbasierter Simulation, welche Dynamiken und Signale in Organisationen dazu führen können, dass ein kollektives Werteverständnis kippt.

Wir reflektieren gemeinsam Situationen aus dem beruflichen Alltag der Teilnehmenden und diskutieren, wie sich drohende Kipppunkte frühzeitig erkennen und präventiv beeinflussen lassen.

Welche Rolle spielt dabei jeder Einzelne? Und welche Verantwortung tragen Führungskräfte?

Ein Workshop für alle, die Organisationen resilienter gegen unehrliches Verhalten machen wollen – durch bewusstes Handeln und die Kraft klarer Signale.

Organisationen stehen heute unter enormem Transformationsdruck, sei es durch Dekarbonisierung, Digitalisierung oder geopolitische Verschiebungen. Dennoch verharren viele von ihnen in etablierten Strukturen und Technologien, obwohl sie die Notwendigkeit zur Veränderung erkannt haben. Dieses Phänomen der Pfadabhängigkeit entsteht durch versunkene Kosten, Anreizsysteme und Koordinationsprobleme zwischen den Akteuren.

Das Modul analysiert anhand des konkreten Praxisfalls „Stranded Assets in der Nachhaltigkeitstransformation” die Mechanismen, die Organisationen in suboptimalen

Pfaden festhalten. Die Teilnehmer lernen, Kipppunkte zu identifizieren, an denen Entscheidungen von „Weiter wie bisher” zu „Jetzt umsteuern” wechseln. Durch die Integration von Controlling-Perspektiven, System Dynamics und spieltheoretischen Ansätzen entwickeln sie konkrete Instrumente: Frühindikatoren zur Erkennung kritischer Schwellenwerte, Auslöser für automatisierte Reaktionen und Anreize zur Überwindung von Koordinationsproblemen.

Unsere Gesellschaft erlebt eine zunehmende Verdichtung von Krisen, Spannungen und Kipppunkten – zwischen Menschen, in Märkten, in geopolitischen Ordnungen und sicherheitsrelevanten Systemen. Dynamiken beschleunigen sich, Eskalationen werden weniger linear, Wirkungen schwerer steuerbar. Künstliche Intelligenz verstärkt diese Entwicklungen: als technologischer Hebel, als Beschleuniger von Entscheidungen, als Multiplikator von Effekten.

Vor diesem Hintergrund rückt die Frage nach Responsible AI und Sustainable AI in den Mittelpunkt: Wie entstehen KI-Lösungen, die nicht nur kurzfristig wirksam sind, sondern langfristig tragfähig, verantwortbar und stabil in hochdynamischen Umfeldern?

Der Workshop eröffnet einen Denkraum, in dem nicht allein das eigene Problem oder der erste Impuls im Fokus steht, sondern die Kette möglicher Wirkungen, Risiken und Rückkopplungen. Ziel ist es, Entscheidungslogiken zu stärken, die Wirkung entfalten – ohne unbeabsichtigte Eskalationen oder strukturelle Nebenfolgen zu erzeugen.

Predictive Risk Intelligence beschreibt den Einsatz von AI zur frühzeitigen Erkennung, Bewertung und Einordnung von Unternehmensrisiken, bevor sie sich in Schäden, Compliance-Verstößen oder strategischen Nachteilen materialisieren.

AI erweitert etablierte Methoden im Risikomanagement, indem sie als „Seismograph“ für Unternehmensrisiken schwache Signale, Muster und Anomalien in großen, heterogenen Datenströmen erkennt und konsistent über Zeit beobachtet. Der Mehrwert liegt weniger in der „Automatisierung“ von Entscheidungen, sondern in einer höheren Sensitivität, größerer Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und Konsistenz der Risikofrüherkennung – inklusive transparenter Priorisierung und kontinuierlicher Re-Kalibrierung bei neuen Informationen. Exemplarisch kommen dabei Methoden wie Natural Language Processing (NLP) und LLM-gestützte Textanalyse (z. B. aus Vorfallberichten, Audits, News), Anomaly Detection (z. B. in IT-Logs, Zahlungs- oder Prozessdaten), Time-Series Forecasting (z. B. für Frühindikatoren), Bayes’sche/probabilistische Modelle (zur Aktualisierung von Eintrittshäufigkeiten bzw. -wahrscheinlichkeiten) sowie Simulation und Stress-Testing (z. B. Monte-Carlo, szenariobasierte Modellierung) zum Einsatz.

Der Vortrag zeigt, wie Predictive Risk Intelligence interne und externe Datenquellen zusammenführt und AI-gestützte Erkenntnisse so in Governance und Risikosteuerung integriert werden können, dass sie qualitative Expertise nicht ersetzt, sondern präziser, datenreicher und frühzeitiger unterstützt. Abschließend werden Grenzen (False Positives/Negatives, Datenqualität, Bias), Governance-Anforderungen und regulatorische Implikationen diskutiert. Predictive Risk Intelligence erweist sich damit als strategische Erweiterung des Risikomanagements – mit dem Ziel, Unsicherheit früher sichtbar zu machen und die Resilienz messbar zu erhöhen.

In aktuellen disruptiven Zeiten genügt es nicht nur, Demokratie zu verteidigen, es braucht auch utopisches Denken, wie Demokratie zukünftig aussehen könnte. Der Vortrag präsentiert ein „Mars“-großangelegtes „Mars“-Experiment und zeigt, wie sich deutsche und amerikanischer Bürgerinnen und Bürger zukünftiges Regieren auf „Mars“ und „Erde“ wünschen. Ähnlich wie bei Gerechtigkeitsvisionen hinter dem Rawlschen „Schleier des Nichtwissens“ wollen Bürgerinnen und Bürger „gemischte“ Systeme, die repräsentative, partizipatorische und expertokratische Institutionen kollaborativ und gleichberechtigt an Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Auf dem „Mars“ werden repräsentative Institutionen stärker „dezentriert“, während der Wunsch nach mehr Bürgerpartizipation und Expertise steigt.

Der Vortrag thematisiert das Paradigma der Resilienz und fokussiert dabei insbesondere die Notwendigkeit, Führungskräfte eines Unternehmens in den Prozess der Informationsgewinnung und Risikoabschätzung explizit mit einzubinden. Die Interdependenz des Managementteams und des Risikomodells kann nicht hoch genug bewertet werden, da sie Ausdruck einer emanzipierten Risikokultur ist.

Kipppunkt oder Pfadabhängigkeit sind modellinhärente Begriffe. Da der Ausgang militärischer Konflikte von den Entscheidungen der jeweiligen Gegner abhängt, kann Krieg als Spiel im Sinne von Spieltheorie verstanden werden, wobei die Auszahlungen beispielsweise Modellierungen von Flottentaktik entstammen. Doch auch wenn es für Clausewitz „keinen gefährlicheren Menschen für den Krieg als den Mathematiker gab, der alle Dinge in der Welt auf die Begriffe von Größen reduziert“ und „der im Kriege bei dem engen Kreis der Vorstellungen einer Wissenschaft stehen bleibt“, es lohnt sich auch für den Soldaten, für den Kriegsführung eine Kunst und eben keine Wissenschaft darstellt, ein Blick in diese Modelle, zeigen sie doch, dass Modelldenken auch Kriegskunst schärfen kann. Da die Verfügbarkeit von Strategien aber häufig eine Folge historischer Ereignisse mit einem Potential Surprise Value >> 0 (Black Swan) ist, verbleibt vielleicht, wie Admiral James Stavridis es formuliert, als „Requiem für strategische Planung“ nur das jiddische Sprichwort „Mann tracht, Gott lacht“, oder säkularer, „Man plans, fate laughs“, Pfadabhängigkeit hin oder her.

Kipppunkte im Klimasystem sind kritische Schwellen, bei deren Überschreitung sich das Klima abrupt und teilweise unumkehrbar verändert. Beispiele sind das schnelle Abschmelzen von Eisschilden, Veränderungen wichtiger Meeresströmungen oder der Verlust großer Ökosysteme. Der Vortrag erklärt, was unter Kipppunkten im Klimasystem zu verstehen ist und warum sie ein zentrales Risiko des Klimawandels darstellen. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Folgen solche Entwicklungen für unsere Gesellschaft haben und was sie für den Aufbau von Klimaresilienz bedeuten. Dabei wird deutlich: Neben konsequentem Klimaschutz müssen wir uns darauf vorbereiten, mit tiefgreifenden Veränderungen umzugehen. Der Vortrag zeigt auf, wie Klimaanpassung und Maßnahmen zur Steigerung der Resilienz gegenüber extremen Wetterereignissen helfen können, Risiken zu begrenzen und Handlungsspielräume auch unter unsicheren Bedingungen zu bewahren.

Ihre Veranstalter des Forums

Prf. Dr. Andreas Größler Prof. Dr. Andreas Größler
leitet die Abteilung für Produktionswirtschaft an der Universität Stuttgart. Seine Forschungsschwerpunkte sind Modellierung und Simulation, verhaltensbasiertes Operations Management und Operations Strategy.
Dr. Jan Spitzner Dr. Jan Spitzner
berät seit ca. 25 Jahren Unternehmen in Fragen zukunftsorientierter Steuerung. Er besitzt umfangreiche Erfahrungen in Modellbildung und Simulation, ist Autor zahlreicher Fachpublikationen sowie als Dozent tätig.

In der Fakultät PSGW wird die Lehre an der Führungsakademie der Bundeswehr entlang zentraler Themenschwerpunkte wie Frieden und Konflikt, Außen- und Sicherheitspolitik, internationale Beziehungen, Kultur und Geschichte kontinuierlich weiterentwickelt. Aktuelle nationale und internationale Herausforderungen fließen direkt in Lehrinhalte und Veröffentlichungen ein.

Logo_Fuehrungsakademie

Seit 1957 werden militärische Spitzenkräfte an der FüAkBw auf ihre anspruchsvollen Aufgaben in den Streitkräften sowie der NATO, der Europäischen Union und den Vereinten Nationen vorbereitet. Kernaufgabe ist die Aus-, Fort- und Weiterbildung bereits berufserfahrener Offiziere aus dem In- und Ausland.

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